ulysses_seite_01-225x300 Ulysses 1781 - Der Zyklop 1Ideen sind das wichtigste für einen Autor. Wenn einem keine guten Geschichten mehr einfallen, muss man sich irgendwie anders behelfen. Warum also nicht mal eine klassische Story neu interpretieren? Für solche Umstrukturierungen bietet sich die „Odyssee“ von Homer ziemlich gut an, wie man an dem Coen-Film „O Brother, Where Art Thou?“ sieht. Xavier Dorison und Eric Hérenguel haben die bekannte Geschichte zeitlich ein wenig verlagert und daraus eine düstere und harte Reise durch ein blutjunges Amerika gestrickt.

Yorktown, 1781. Der Unabhängigkeitskrieg ist gerade vorbei, da erfährt der Captain Ulysses McHendricks, dass sein Heimatdorf New Itakee von Engländern belagert wird. Zusammen mit seiner Crew, seinem Sohn und der Familie des Unternehmers Mr. Bodicker macht sich der Kriegsheld auf, um seine Stadt – und damit auch seine Frau – zu befreien. Doch der Weg zurück nach Hause ist voller Gefahren.

 

Ich habe ein Faible für griechische Mythologie. Dementsprechend empfand ich es als klugen Schachzug, die inzwischen schon sehr bekannte Geschichte um die Odysee in ein neues Gewand zu kleiden. Die Zeit nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wäre mir zwar nicht als erstes eingefallen, aber Autor Xavier Dorison versteht es bravorös, beide Welten miteinander zu verbinden. So modernisiert er nicht nur bestimmte Namen – aus Ithaka wurde New Itakee – sondern gibt ikonischen Szenen auch ein neues Gewand. Ein Beispiel dafür wäre der berühmte Kampf zwischen Odysseus und Achilles.

 

In dem Comic lernen wir dadurch unseren Protagonisten erst kennen. Doch anstatt ein Kampf mit Schwert und Schild draus zu machen, bekommt der Leser einen wunderbar dreckigen Faustkampf spendiert. Und auch wenn es nur ein kleines Panel ist – wie Ulysses Achilles letzten Endes besiegt wirkt äußerst schmerzhaft. Dorison hat sich auch einen interessanten Kniff ausgedacht, um die Schiffsreise zeitgemäß anzupassen. Wie er das geschafft hat, sei an dieser Stelle nicht verraten – mir ist sprichwörtlich die Kinnlade runtergefallen.

 

Dazu kommt, dass das  Szenario in ein mystifiziertes Amerika eingewoben wird. Im wunderbar schaurigen Prolog wird bereits angedeutet, dass die Magie in dieser Welt eine wichtige Rolle spielt. Und sobald Ulysses und seine Mannschaft unterwegs ist, merkt der Leser sehr schnell, dass es nicht nur ein Aberglaube ist.

 

Die ganze Geschichte wird von Eric Hérenguel sehr fein in Szene gesetzt. Die Figuren wirken alle wie harte Hunde, Ulysses McHendricks hätte auch einen perfekten Piraten-Kapitän abgeben können. Hérenguels Amerika wird von einem dreckigen Braun bestimmt, doch sobald es ins Mystische übergeht, herrschen fast träumerische Blautöne. Durch das gewählte Großformat sehen vor allem die detailierten Landschafts-Zeichnungen klasse aus. Dazu kommen noch kleinere Gewaltspitzen. Es sind nicht viele, aber wenn ein Mann von einem Speer durchbohrt wird, bekommt der Leser dies in voller Pracht serviert. Einzig die eckigen Sprechblasen und die gewählte Schriftart haben mich bei der Lektüre etwas irritiert, aber daran gewöhnt man sich schnell.

 

„Der Zyklop“ ist ein hervorragender Einstieg in eine Welt, die einem vertraut und doch auf spannende Weise neu vorkommt. Hier möchte ich gerne noch viele Stunden drin verbringen. Da hilft der Cliffhanger am Ende des Bandes nicht unbedingt – die Fortsetzung kann nicht schnell genug kommen.

 

Autor: Xavier Dorison

Illustrationen: Eric Hérenguel

Verlag: Splitter Verlag

Seiten: 64, Hardcover

Veröffentlichung: 01.02.2016

ISBN: 978-3-95839-249-6

Bildrechte: Splitter Verlag

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